Stimmen aus dem Detailhandel – So geht es kleinen Ladenbesitzern im Lockdown

Nicht alle Betriebe, die vom Corona-Lockdown betroffen sind, können wieder aufatmen. Blumenläden dürfen zwar ab Montag wieder öffnen, wenn sie die notwendigen Hygiene- und Schutzmassnahmen einhalten können. Andere Läden müssen bis zum 11. Mai zwei Wochen länger ausharren. Wie geht der Detailhandel mit dem Lockdown um? Hier ein Stimmungsbarometer.
 

Jacqueline Frischknecht führt in Wädenswil die Modeboutique Jackie F.

Nein, nicht schon wieder die denken meine Kunden sicher, da sie immer wieder E-Mails mit neuen Infos von mir erhalten. Aber was kann ich dafür, wenn der Bundesrat jede Woche erneut über seine kryptischen Bücher geht... Sie erkennen unschwer – ich bin extrem enttäuscht, frustriert und fassungslos. 

Klar freue ich mich, dass ich zum Coiffeur kann – schliesslich sehe auch ich aus, wie eine Mischung zwischen Irish Setter und ergrautem Schäferhund. Ich wusste allerdings nicht, dass Tattoos und neue Nägel auch zu den lebenswichtigen Dingen des Lebens gehören. Darum kann ich nicht nachvollziehen, dass kleine Läden Ende April nicht öffnen dürfen, denn vielen steht das Wasser nun am Gurgeli und jeder Tag würde zählen. 

Was bitte unterscheidet, rein warenunabhängig, den Beck im Dorf und den Metzger von meinem Laden? (Und die tragen nicht mal Handschuhe und/oder Masken, was wir dann sicher tun müssen...) Klar, ich kenne die Argumente des Bundesrates – nein ich träume von den Argumenten des Bundesrates. Aber diesen Gründen kann ich gäbig widersprechen: Leider ist sich in meinem Laden in den letzten fast 20 Jahren noch nie eine grosse Menschenmenge körpernah auf die Füsse getreten. Auch wüsste ich trotz altersmässiger Risikogruppe locker noch auswendig, wer heute, gestern oder vorgestern in meinem Laden war, wenn es um die Corona- Übertragungskette geht. 

Im Übrigen sind Plexiglas-Scheibe und Masken bestellt und für einen halben Liter Desinfektionsmittel habe ich ein kleines Vermögen ausgegeben. Nur die Handschuhe sind überall ausverkauft. Muss mal meine Skiferien-Schachtel im Keller ausgraben...  

So, Frust abgeladen, Kropf geleert, kann mich halt im Moment mit niemandem live fetzen... Hat gut getan, entschuldigen Sie mich bitte nachsichtig und grosszügig!  

Es chunt alles guet: Ich kann bald wieder öffnen, Sie stehen freudestrahlend in einer perfekten Corona-Schlange vor jackie.f und freuen sich mit mir ab der langsam wiederkehrenden Freiheit!

 

Laura Broder hat vor wenigen Monaten ihr Blumengeschäft Pusteblume in Wädenswil eröffnet

Meinen eigenen Blumenladen habe ich erst letzten September eröffnet und schon befinde ich mich im Lockdown. Eine Stammkundschaft konnte ich nicht übernehmen, da vor mir ein Modegeschäft in diesem Lokal war. Und die Coronazeit hilft mir nun natürlich auch nicht, den Kundenstamm aufzubauen.

Um trotzdem einigermassen über die Runden zu kommen, biete ich einen Blumen-Lieferservice an und kaufe nur die Blumen ein, die von den Kunden bestellt werden. So ist das Risiko für mich klein und ich bin erst noch ökologisch unterwegs, da ich kaum Blumen wegschmeissen muss. Um auf meinen Lieferservice aufmerksam zu machen, habe Ich am Schaufenster ein Plakat angeklebt und auch Aushänge in der Umgebung verteilt. Dieser läuft ganz gut und die Kunden haben viel Verständnis für die aktuelle Situation.

Finanziell hilft mir jetzt meine Familie, damit ich mich über Wasser halten kann. Einen Covid-19-Überbrückungskredit habe ich beantragt, aber noch keinen Bescheid erhalten. Ich bin schon sehr froh, dass ich nächste Woche mein Ladenlokal wieder öffnen kann, ich möchte aus eigener Kraft erfolgreich sein können. 

 

Michael Rusterholz, vertreibt als Inhaber und Geschäftsführer der Modeagentur Custom Made aus Thalwil diverse Modelabels

Nach dem Lockdown waren wir wie paralysiert. Angst und Ungewissheit dominierten die Gedanken. Welche Massnahmen müssen wir ergreifen? Welche Forderungen kommen von den Kunden? Wie hoch werden die Debitorenverluste ausfallen? Was bietet der Bund? Gibt es für unser KMU eine Zukunft?

Bald jedoch sind wir zur Einsicht gelangt, dass Hadern und Lamentieren nicht weiterhilft. Wir überlegten uns, wie wir unsere Kunden in dieser Zeit unterstützen könnten. Einerseits bieten wir über die Corona-Krise hinaus allen Kunden verlängerte Zahlungsfristen, obwohl wir den grössten Anteil der Ware vorausfinanziert haben.

Viele Kunden bringen sich ebenfalls auf eine Handlungsebene und werden aktiv, indem sie einen Online-Shop eröffneten oder über Instagram Schuhe und Kleider anbieten, die sie dann je nach Bestellung persönlich ausliefern. Die Kunden sind extrem dankbar, dass wir ihnen auf ihr Sortiment abgestimmte Bilder, Texte oder Videos liefern, die sie dann rasch und ohne grossen Aufwand online verwenden können.

Die Kreativität der Kunden war und ist nach wie vor erstaunlich. Wir werden fast täglich damit überrascht, was den Shops immer wieder Neues einfällt. Die Stimmung unter unseren Kunden scheint trotz der herausfordernden Situation gut zu sein. Sie sind für jede Unterstützung sehr dankbar. Offenbar ist die Zuversicht grösser als die Angst. Das sind wahre Unternehmerinnen und Unternehmer. Den Blick immer sauber nach vorne gerichtet.

Wir versuchen diese Wochen auch als Chance zu sehen und überlegen uns, was wir in Zukunft in unserer Firma optimieren können. Einerseits überdenken wir Abläufe und möchten noch diesen Frühling einen B2B-Shop für unsere Kunden einrichten, damit sie einfacher und rascher Zugang auf unser Lager erhalten.

 

Diskutieren Sie mit! 

Sind Sie selbst Ladenbesitzer oder arbeiten Sie im Verkauf? Wie geht es Ihnen im Corona-Lockdown? 

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